8. Mai 2016: «Der Schoss ist fruchtbar noch…»

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Gedenkveranstaltung der DKP und der Partei Die Linke beide Düsseldorf auf dem sowjetischen Friedhof Gallberg

Die Ansprache der Partei Die Linke bezog sich auf den Friedhof und die aktuelle Lage in Syrien.

Ansprache von Uwe Koopmann (DKP) zum 8. Mai 2016 geben wir u.st. wieder.

«Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch»

Im Epilog warnte Bertolt Brecht im März 1941 in seinem bekannten Theaterstück «Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui» vor den Gefahren des Faschismus. Brecht war zu der Zeit ins Exil nach Finnland geflüchtet. Im Juli traf er in den USA ein. Dort sollte «Ui» aufgeführt werden. Die Zusammenhänge von Faschismus und kapitalistischen Machtstrukturen sollten vermittelt werden. Deshalb die theatralische Verlagerung ins amerikanische Gangstermilieu. Allerdings: Das Stück wurde im September 1941 in den USA nicht zugelassen. – Die Uraufführung folgte erst nach Brechts Tod am 10. November 1958 in Stuttgart. Seit 1959 wurde «Ui» im Berliner Ensemble 500 mal gegeben.

Der Schoß gebar, Wolfram Müller-Gehl hat darauf aufmerksam gemacht, auch in Gerresheim Furcht, Verbrechen und Elend im Dritten Reich. Die wohl größte Opfergruppe war wohl die der sowjetischen Zwangsarbeiter.

Ein Blick ins «Geschichtsbuch Gerresheim» zeigt, dass es tapferen Widerstand gab gegen diese Exzesse, mal mit kleinen Akten der Solidarität gegenüber den Zwangsarbeitern,  im großen Stil bei den letzten Wahlen 1933, als die meisten kommunistischen Kandidaten bereits verhaftet waren, wenn sie nicht rechtzeitig geflohen waren. Über 30 Prozent der Stimmen gingen an die KPD. Jeder Wähler wusste: Mein Kandidat kann gar nicht mehr in den Reichstag einziehen. Und trotzdem bekam er seine Stimme. Das ließ die Nazis Rache schwören. Sie folgte bei der großen Razzia am 5. Mai 1933, als Untergerresheim von 3.500 Nazis eingekesselt wurde und die Nazigegner nach Registrierung im «Heyebad» unter Schlägen in die Mühlenstraße abgeführt wurden. Der Keller ist noch heute zu besichtigen.

Zum individuellen Widerstand gehören die Männer von der Aktion «Rheinland», die letztlich erreicht haben, dass Düsseldorf kampflos und ohne weitere Verluste in der Zivilbevölkerung an die amerikanischen Alliierten übergeben werden konnten.

Selbst in seinen letzten Stunden zeigte sich der Schoß fruchtbar, das Nazi-Regiment schlug blutrünstig zu: Theodor Andresen und vier seiner Mitverschworenen wurden von den NS-Schergen brutal ermordet. Das geschah nach einer so genannten Verhandlung vor einem Tribunal – wenige Stunden vor der Befreiung vom Faschismus.

Der Schoß war immer noch fruchtbar. Die alten Nazis blieben im Amt. Dank des Einsatzes von Konrad Adenauer. Richter und Staatsanwälte wechselten nicht einmal die Roben. Ihre Kernaussage: Was vor dem 8. Mai 1945 Recht war, kann nach dem 8. Mai nicht Unrecht sein.

Dieses fehlende Unrechtsbewusstsein hatte zur Folge, dass Gerresheimer wie Hauptmann Kaiser von der Heeresstreife die Straßenseite wechselten, wenn sie auf Aloys Odenthal stießen. Diese Geschichte ist so alt und so verdrängt, dass auch heute noch keine Gedenktafel an die Folter im Haus Benderstraße 80 erinnert. Diese Villa steht unmittelbar neben der ev. Grundschule, benannt nach der Gerresheimer Jüdin Hanne Zürndorfer. Die Kinder kennen ihre Namenspatronin. Kennen sie die Mörder, die im Nachbarhaus wüteten?

Theodor Andresen galt für die bundesdeutsche Justiz bis in die höchsten Etagen als rechtmäßig zum Tode verurteilter Volksverräter. Alle Bemühungen, ihn zu rehabilitieren, scheiterten vor den Gerichten.

Die DKP in Gerresheim hat den Versuch gemacht, drei Männer aus der Gruppe der Gerresheimer 10 zu rehabilitieren. Sie waren 1934 mit dem Handbeil auf dem Hof des Gefängnisses „Ulmer Höh“ enthauptet worden. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft und – nach einer Beschwerde der DKP – auch der Oberstaatsanwalt hatten nichts gegen die vollzogene Todesstrafe einzuwenden. Die neuen Vertreter der Justiz waren keine ausgemachten Nazis. Aber sie duldeten die alten Urteile und sie deckten ihre alten Berufsgenossen. Erst ein Bundesgesetz sorgte in drei Anläufen dafür, dass NS-Urteile aufgehoben wurden. Das war rund 55 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft.

Eine zumindest ambivalente Haltung gegenüber dem Faschismus ging hier eine enge Liäson mit dem Antikommunismus ein. Die sowjetischen Soldaten, die hier beerdigt sind, starben, weil sie versucht hatten, ihr Vaterland, die Sowjetunion, zu verteidigen. Damit wurden sie zu Tätern gestempelt. Die „Zoffjetts“, wie Adenauer sagte, hatten das Unglück über Deutschland gebracht. Einsicht in eigene Verbrechen gab es nicht. Mitscherlich sprach von der „Unfähigkeit zu trauern“. Der Schoß war fruchtbar noch.

Das gilt modifiziert bis heute: Es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass nach dem NS-Wirtschaftsführer Hans-Günter Sohl keine Straße benannt wird. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass „seine“ Straße nun umbenannt wird. Wahrheitswidrig wurde behauptet, dass es vor der Benennung eine umfassende Recherche gegeben habe, ob Sohl denn würdig sei, dass eine Straße nach ihm benannt wird.

Es war dagegen in Lierenfeld selbstverständlich, dass die Ernst-Poensgen-Straße verschwinden musste und durch Ronsdorfer Straße ersetzt wurde. Aber der Manager, der in die Naziwelt  „verstrickt“ war, wurde nicht fallengelassen. In Grafenberg, in unserem Stadtbezirk,  bekam er die „Ernst-Poensgen-Allee“. Ein Antrag der DKP im Gerresheimer Rathaus wünschte auch hier eine Umbenennung.  Die wurde nach dem besonders engagierten Auftritt der damaligen Bezirksvertreterin Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (jetzt: Stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende) von der Mehrheit in der BV 7 abgelehnt. Straßen nach Antifaschisten im Neubaugebiet an der Torfbruchstraße, ganz in der Nähe des sowjetischen Zwangsarbeiterlagers auf dem Gelände der Glashütte, wurden ebenfalls abgelehnt.

Abgelehnt wurde aktuell auch der Vorschlag, den Platz zwischen der Werdener Straße und der Kölner Straße in Alexander-Puschkin-Platz zu benennen, obwohl hier ein Denkmal mit seiner Büste seit zehn Jahren steht. In der Partnerstadt Moskau gibt es ein Heine-Denkmal und einen Heine-Platz. Wurde bei uns Antisowjetismus durch Russophobie ersetzt?

Wirkliche Völkerfreundschaft, die sich auf gemeinsame historische Werte beziehen kann, geht anders. Deshalb stehen wir hier, denn Trennungslinien gibt es nicht zwischen unseren Völkern. Schnittlinien gehen quer durch die Völker. Es gilt viel aufzuräumen.

Text: Rede von Uwe Koopmann
Foto: Bettina Ohnesorge


Nachtrag: Wir haben einen Teilnehmer unter uns, dessen Eltern aus Griechenland vor der faschistischen Barbarei in die Sowjetunion geflohen sind. Dort fanden sie Schutz. Anderen gelang diese Flucht nicht. Zu erinnern ist an die griechischen Juden aus Thessaloniki, die die Fahrkarten für ihre Deportation nach Auschwitz selber bezahlen mussten. Die Bundesbahn als Rechtsnachfolger der Reichsbahn weigert sich, eine «Wiedergutmachung» zu leisten. Bis heute.