Kulturelle Kontinuität

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Spaziergang zum 39er Denkmal am Reeser Platz, durch die ehemalige Schlageter-Siedlung, den Nordpark und die Nordpark-Siedlung

19. November 2016. Der Düsseldorfer Nordpark entstand in der Folge der Ausstellung «Schaffendes Volk» von 1937. Grundriss, axiale Anlage, plastischer Schmuck und eine Reihe von Details lassen diese Herkunft erkennen. Der Nordpark und insbesondere die beiden Siedlungen, die Teil dieser Ausstellung waren, weisen idyllische Qualitäten auf, die Bestandteil der faschistischen Demagogie waren und womöglich heute noch ihre Wirkung entfalten. Uns überraschen kulturelle Kontinuitäten, die aus den zwanziger Jahren in die Nazizeit und wieder in die Gegenwart reichen. Darüber wollte eine Gruppe der Naturfreunde Düsseldorf mehr wissen.


Das 39er Denkmal

am Reeser Platz ist am 9. Juli 1939 eingeweiht worden. Es sollte das Denkmal von Jupp Rübsam ersetzen. Gauleiter Florian rief damals aus: «Und Ihr habt doch gesiegt! Dieses Wort des Führers weist uns den Weg in die Zukunft!» Die aktiven Mitglieder des Niederrheinischen Füsilierregiments Nr. 39 befanden sich zu dieser Zeit schon in den Bunkern des Westwalls, in den Ausgangsstellungen für den nächsten Krieg.

Der Denkmal besteht aus einer Muschelkalkwand, die die gesamte Breite des Platzes beansprucht. In der Mitte ist eine Öffnung eingelassen. Dieser Gruft entsteigen reliefartig Soldaten. Unbesiegbar, selbst durch den Tod. Später wurden Namen vorwiegend eroberter sowjetischer Städte eingemeißelt.

Auftraggeber war der Denkmalausschuss des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 39. Errichtet worden ist es in den Jahren 1936 bis 1938 von Bildhauer Richard Knöhl in Zusammenarbeit mit den Hamburger Architekten Klophaus & Tachill. Es war schon 1932 in Auftrag gegeben worden, wegen und als Folge des Widerstands gegen das Rübsam-Denkmal an der Tonhalle. Das ist am 28. März 1933 abgerissen worden. Die Reste des ursprünglichen Denkmals stehen seit 1978 wieder dort.

Der einstimmige Stadtratsbeschluss aus dem Jahre 1946, das kriegsverherrlichende Denkmal auf dem Reeser Platz zu beseitigen, wurde bis heute nicht ausgeführt. Im Gegenteil. Bis in die achtziger Jahre diente es jedes Jahr zum Volkstrauertag den ehemaligen 39ern gemeinsam mit rechtsradikalen Organisationen als Aufmarschplatz.

Das findet jetzt nicht mehr statt. Anlass des Umdenkens war eine skandalöse Feier der FAP am 1. Mai 1988. Die offiziellen Feierlichkeiten zum Volkstrauertag finden nunmehr am «Mahnmal Drei Nornen», ebenfalls von Jupp Rübsam, auf einer Fläche nordöstlich vom Nordfriedhof statt. Es steht an der Stelle, wo Nazis das sogenannte Schlageterkreuz errichtet hatten.

Zum 26. Mai 1933 fand anlässlich des 10. Jahrestages der Erschießung Leo Schlageters durch die Franzosen ein riesiger Rummel in der Golzheimer Heide in Anwesenheit von Hermann Göring statt. 300 000 Nazis waren aus allen Teilen des Reiches gekommen. In nationalistischer Gegnerschaft gegen die Ruhrbesetzung der Franzosen hatte Schlageter 1923 die Haarbachbrücke in Kalkum gesprengt, war erwischt, wegen Sabotage zum Tode verurteilt und auf der Golzheimer Heide, wo die Franzosen ihr Militärgelände hatten, erschossen worden. Um Schlageter machten die Nazis einen Kult. Düsseldorf wurde zur «Schlageter-Stadt», ein Teil der Kö wurde zur Leo-Schlageter-Allee. Zwischen Schlageterkreuz und Ausstellungsgelände «Schaffendes Volk» war ein raumgreifendes Schlageter-Forum geplant. Die Schlageterachse verband dieses Kreuz und Neue Kunstakademie.

Hugo Paul, KPD, verfasste anlässlich des Schlageter-Rummels im Mai 1933 eine Broschüre mit dem Titel «Das Kreuz auf der Heide», in der er mit den Lügen der Nazis und deren aktueller Politik abrechnete. Von der Flugschrift wurden nach Erinnerungen Hanns Kraliks (1945-1950 Kulturdezernent in Düsseldorf) 20 000 Exemplare gedruckt.

Der Düsseldorfer Nazi-Gauleiter Florian persönlich übernahm die Fahndung nach dem Verfasser und Hersteller der Broschüre. Ohne Erfolg.

Das Schlageterkreuz war ein Endpunkt einer Achse, der andere der Giebel der Neuen Kunstakademie. An dieser Stelle dämmert heute das Gebäude des Aquazoo hinter Bauzäunen.

Die Schlagetersiedlung

Nördlich schließt an den Reeser Platz die Schlagetersiedlung an. Sie war Teil der Ausstellung «Schaffendes Volk», die von Mai bis Oktober 1937 geöffnet blieb. Hier sind 84 Häuser errichtet worden. Sie sollten Ende 1936 fertiggestellt sein, was selten gelang. Peter Grund, seit 1933 Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie und Leiter der Landesstelle Rheinland der Reichskammer der bildenden Künste, hatte die künstlerische Aufsicht über die Ausstellung. Er achtete nach politisch und ästhetisch engen Kriterien auf die Auswahl der Architekten, die mit der Planung der Siedlungshäuser beauftragt werden durften. Sie mussten in ihrer «Baugesinnung» einwandfrei sein, auch wenn sie von den Bauherren beauftragt und bezahlt wurden. Peter Grund, der 1937 im Krach als Direktor der Akademie entlassen worden ist, konnte sich aber diesbezüglich nicht durchsetzen. Er hatte es bei den Bauherren mit hochrangigen Nazis zu tun, die sehr gerne in diese privilegierte Siedlung ziehen wollten. Unter anderem baute hier Gauleiter Florian.

Die Straßennamen wurden nach «alten Kämpfern» benannt. Nach dem Krieg wurde das geändert, sie heißen jetzt nach Widerstandskämpfern oder Opfern der Nazizeit.

Peter Grund konnte indes seine Architekten nur bei den Häusen durchsetzen, die von der Stadt errichtet wurden, also den Musterhäusern und der Künstlersiedlung. Es gab ein strenges Reglement für die äußere Gestaltung der nichtstädtischen Häuser.

Von den insgesamt 56 Architekten gehörten einige schon 1937 zu jenem profilierten Kreis, den Albert Speer für die Gruppe der «besten Architekten Deutschlands» hielt. Beispielsweise Helmut Hentrich, der bis zum Kriegsende eine bodenständige Bauweise bevorzugte. Rosskotten und Wach gehörten zu den in dieser Zeit, aber auch nach dem Krieg noch begehrten Architekten. Sie hatten sich einer traditionellen Bauweise anzupassen. Allenfalls im Industriebau gab es ästhetische Freiheiten, die im übrigen auch für die Hallen der Ausstellung galten.

Eine Ausnahme stellte der Architekt Brink dar, der ab 1950 im Düsseldorfer Architektenring organisiert war und sich vehement gegen Tamms und seine alten Freunde wandte, die sich in der Stadtverwaltung hohe Positionen sicherten und in Düsseldorf opulente Bauaufträge an sich zogen. Protagonisten des Architektenrings waren Josef Lehmbrock und Bernhard Pfau. Der Architektenring wollte Tamms‘ schon im Krieg entstandenen Pläne einer axialen und autogerechten Stadtplanung verhindern. Es verlangt einen Neuaufbau für lebendige Menschen mit allen ihren Bedürfnissen, kritisiert die Einschnitte in das Stadtgefüge durch die neu geschaffene Berliner Allee, verlangt architektonische Modernität, anknüpfend an die Zeit vor 1933. Insbesondere protestiert er gegen die Dominanz von Planern und Architekten aus der Nazi-Zeit beim Wiederaufbau Düsseldorfs. Mit der Berufung von Julius Schulte-Frohlinde, dem früheren Leiter der Bauabteilung der «Deutschen Arbeitsfront», zum Leiter des Hochbauamts eskaliert 1952 die Auseinandersetzung zum «Düsseldorfer Architektenstreit». Opernhaus, Schneider-Wibbel-Gasse und Neues Rathaus stammen von Schulte-Frohlinde.

Die Bewerber für den Bau eines Hauses in der Schlagetersiedlung mussten eine Familie haben, verheiratet und gut beleumundet sein. Und selbstverständlich wurden solche Bewerber bevorzugt, die sich einer jahrelangen Parteimitgliedschaft rühmen konnten. Angehörige der Stadtverwaltung hatten offenbar gute Karten. Insgesamt wirkte der Nazifilz. Ein Korruptionsherd. Der Bau von zwölf Häusern, die teilweise gänzlich ohne Eigenkapital von der Stadt errichtet werden sollten, wurde eingestellt, als OB Wagenführ im April 1937, kurz vor der Ausstellungseröffnung, vom Regierungspräsidenten beurlaubt und Otto Liederley zu seinem Nachfolger ernannt worden war. Liederley stoppte zunächst den Bau der Häuser durch die Verweigerung der zweiten Hypothek. Es dauerte eine Weile, bis die korruptive Naziordnung wiederhergestellt war.

Der Leiter des Gaupropagandaamtes Brouwers war einer der neuen Eigenheimbesitzer. Sein Haus stand in der Schlageterstadt auf Grundstück 46. Auch der Gauleiter selbst baute ein Haus in der Schlageterstadt. Auf dem exponierten Grundstück 93, mit direktem Blick auf den Rhein, ließ er sich für 50.000 RM ein luxuriöses Domizil errichten. Das blieb nicht verborgen. Ein Flugblatt fragte: «Florian, woher hast du die 50.000 Mark?», woraufhin Florian für die Ergreifung des Autors eine Belohnung von 5.000 RM aussetzte. Kurz darauf erschien das nächste Flugblatt: «Florian, woher hast du die 55.000 RM?»

Aber auch Peter Grund selbst baute in der Schlagetersiedlung, in direkter Nachbarschaft zum Gauleiter, mit dem gleichen freien Blick über den Rhein. Arnold Emundts, ein weiteres Mitglied der Ausstellungsleitung und Nachfolger Grunds in der Oberaufsicht über den Bau der Schlageterstadt, baute nicht nur ein Musterhaus, sondern auch sein Privathaus, welches im Gegensatz zu dem Musterhaus pünktlich zur Ausstellungseröffnung fertiggestellt wurde. Man kann davon ausgehen, dass sich etwa 200 – 250 Personen im regulären Verfahren um die Grundstücke beworben hatten.

Grundriss und die innere Gestaltung des Hauses konnten sich nach den Wünschen der Bauherren richten, alle äußeren Merkmale dagegen hatten den Vorstellungen der Ausstellungsleitung zu entsprechen. Beispielsweise war die Methode der Schlämmung vorgegeben. Die blaugrauen Dachziegel mussten von einer Firma aus Kleve bezogen werden. Die Regenfallrinnen mussten gusseisern sein. Die Sockel der Häuser durften nicht aus Bruchstein bestehen, sondern ausnahmslos aus Klinkern. Auch die Farbe, mit welcher außen sichtbares Holz wie Fensterrahmen oder Balkenteile geschützt werden sollte, war vorgeschrieben. Die hölzernen Hausnummern waren verpflichtend und mussten bei der Ausstellungsleitung für 5 RM erworben werden.

Die Grundstücke wurden vorschriftsmäßig zur Straße hin durch eine 1,20 m hohe geschlämmte Backsteinmauer eingegrenzt, die wie die Häuser mit grauen Dachpfannen im 40°Winkel abgedeckt wurde.

Die Gestaltungsfreiheit der Innenräume war durch die Architektur eingeschränkt. Etwa wenn neben äußerlich sichtbaren Bauteilen wie Fenstern, Balkonen innen eine «freimütige Aufzeigung des tragenden Balkens» und anderen naturbelassenen Holzes verlangt wurde. Die Architekten orientierten sich an den rustikalen Geschmacksvorgaben der Ausstellungsleitung. Es gab offene Kamine. Sie waren meist aus rheinischem Backstein und lagen in der Achse zweier Zimmer. Zahlreiche und große Fenster und Türen verbanden den Wohnbereich mit dem Garten. In der Tat handelte es sich nicht um einen Bauernhausstil oder die «alte, überlieferte Bauweise des Niederrheins». Auch einheitlich war sie nicht. Raumaufteilung und Möblierung der Zimmer unterschieden sich deutlich voneinander. Ein Kinderspielzimmer fand sich im Musterhaus 20, aber kein einziges Bett für die Sprösslinge. Oder ein Tochterzimmer mit Ehebett. Von der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums waren sechs Hausbüchereien zur Verfügung gestellt worden. Die konnten aber in manchen Häusern mangels hinreichender Regalmeter nicht sachgemäß untergebracht werden. Im Musterhaus 81, für das die Deutschen Werkstätten verantwortlich waren, mussten 250 der 500 Bände im Dachgeschoss deponiert werden.

Die Vorgabe äußerer Merkmale bei freier Grundrissgestaltung hat aber insgesamt eine hübsche Siedlung geschaffen. Der Kitsch hielt sich in Grenzen, weil niemand die Typenhaus-Vorgaben befolgte.

Vor dem «Golzheimer Krug», jetzt «Ashley’s Garden», findet sich die Skulptur «Sitzendes Kind» von Zoltan Székessy (1938 Peter-von-Cornelius-Preis der Stadt Düsseldorf). 1939 wurde sie als entartet eingestuft. Székessy kaufte die Skulptur zurück, sie wurde aber aus seinem Garten gestohlen und zerstört. 1952 bis 1964 war Székessy Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. 1963 ließ die Stadt ein Duplikat des «Sitzenden Kindes» anfertigen. Es steht jetzt an der alten Stelle (Angaben nach dem Wikpedia-Eintrag Zoltan Székessy, 21. November 2016).

Elf Einfamilienhäuser für Künstler, ein Künstlergemeinschaftshaus für weitere elf ledige Künster und ein Ausstellungsraum befanden sich auf den Grundstücken 7-17 der Straße 2. Sie bildeten die Künstlersiedlung, die von der Stadt errichtet und an Künstler vermietet wurden. Zuvor hatten aber durch die Inanspruchnahme der Neuen Kunstakademie und ihren Umbau zugunsten der Ausstellung 52 Künstler ihren Wohn- und Arbeitsplatz verloren. Es blieb also ein Verlust von 30 Wohnungen.

Auf dem Gelände der Schlageter-Siedlung hatte kurz zuvor noch die Villa Leiffmann gestanden, ein sehr großes, palastartiges Haus florentinischer Anmutung. Es war vor dem ersten Weltkrieg ein Treffpunkt für bildende Künstler, Schauspieler und Schrifsteller und gehörte dem Gründer der Golzheimer Privatklinik, Prof. Dr. med. Peter Janssen, Schwiegersohn des Bankiers und ehemaligen Stadtverordneten Moritz Leiffmann. Peter Janssen war Sohn des Kunstprofessors Peter Janssen, der von 1895 bis 1908 als Direktor die Kunstakademie geleitet hatte, und Enkel von Theodor Janssen, Freund und Schwager des Malers Johann Peter Hasenclever. Der Chirurg Peter Janssen hat das Grundstück abgegeben unter der Bedingung, dass darauf Wohnungen für Künstler geschaffen werden. Es gibt Autoren, die hinter dieser Transaktion eine antisemitische Aktion mutmaßen.

Südlich an das Anwesen der Villa Leiffmann schließt eins mit einer weiteren Villa aus dem Jahr 1926 an, die als Wohngebäude und Klinik für Prof. Dr. med. Peter Janssen errichtet wurde (Architekt: Josef Kleesattel). Dieses Gebäude ist erhalten geblieben und diente bis vor einigen Jahren dem britischen Generalkonsul als Sitz.

Haupteingang des Nordparks

Die Ausstellung Schaffendes Volk wurde am 8. Mai 1937 eröffnet. Sie war von der «Deutschen Arbeitsfront» organisiert, einer Organisation, in der seinerzeit nach der Zerschlagung der Gewerkschaften alle Arbeitnehmer Zwangsmitglied waren.

Architekt der Ausstellung war Peter Grund, der Gartenarchitekt des Parks war Willi Tapp.

Den Nordpark zeichnet die axiale Ausrichtung aus samt ihrer autoritären Konnotationen. Das heutige Nordpark-Café zusammen mit der kleinen Fläche eines englischen Landschaftsgartens ist eine Veränderung, die nach 1945 den Engländern zu verdanken ist. Sie gaben den Park erst am 29. November 1958 vollständig frei. Zwischen Nordpark und Schlageter-Siedlung indes behielten sie noch weitere Jahrzehnte ihr Zentrum mit Kino und Laden. In der Umgebung lebten zahlreiche englische Soldaten in Mietwohnungen, in der Orsoyer Straße, Meineckestraße und Tersteegenstraße bis in die achtziger Jahre.

Der japanische Garten im Nordpark ist am 24. Mai 1975 der Öffentlichkeit übergeben worden.

Erste Initiativen für die Ausstellung gab es schon 1934. Man orientierte sich an der Gesolei von 1926. Am 12. Juni 1935 wurde der Ausstellungsverein gegründet. Name: «Große Ausstellung Düsseldorf – Schlageterstadt 1937 für Städtebau, Siedlung, Gartengestaltung, Kunsthandwerk und Gewerbe e.V.» Als erster Vorsitzender wurde Generaldirektor Dr. h.c. Ernst Poensgen «spiritus rector der Gesolei», bestimmt. Seine Vertreter waren Oberbürgermeister Wagenführ und der Kreisleiter der NSDAP, Karl Walter. Diese Herren gehörten dem engeren, Bürgermeister Dr. Thelemann, Stadtrat Meyer, Stadtrat Ebel, Akademiedirektor Professor Peter Grund und der städtische Gartendirektor Tapp dem erweiterten Vorstand an.

Die Ausstellung wurde am 15. Dezember 1936 noch einmal in «Schaffendes Volk, Große Reichsausstellung Düsseldorf-Schlageterstadt 1937» umbenannt und inhaltlich den Zielen des nationalen Vierjahresplans angepasst.

Der «erste und festlichste Raum für den Besucher» war 1937 der Platz am Haupteingang, am Schnittpunkt der großen Achse (Fahnenallee) und der Richthofenstraße, der heutigen Kaiserswerther Straße.

Wir stehen zwischen den beiden riesigen Rossebändigern

Der Bildhauer war Edwin Scharff (1887 bis 1955). Es gab Finanzierungsprobleme. Die beiden Plastiken kosteten am Ende 135 000 Reichsmark. Vor allem waren sie bei der Ausstellungseröffnung am 1. Mai 1937 nicht fertig. Die linke Figur war zu diesem Zeitpunkt in Anfängen bearbeitet, die rechte bestand noch aus den unbehandelten, vom Steinbruch angelieferten und nur grob zusammengesetzten Blöcken. Scharff erhielt deutliche Kritik für die unfertige Arbeit. Zum Eklat kam es, als Fotografien der monumentalen «Rossebändiger» auf der Ausstellung «Entartete Kunst» in München gezeigt wurden. In der Folge verlor Scharff seinen Lehrauftrag in der Düsseldorfer Kunstakademie. Diese Ausstellung «Entartete Kunst» bezweckte die Abgrenzung zu einer Kunst, deren Exponate in der gleichzeitigen «Ersten Großen Deutschen Kunstausstellung» erstmalig eine amtliche Vorstellung völkischer Reinheit, von Gesellschaftskritik unberührter Kunst geben sollten. Ergebnis dieser Abgrenzung zur Moderne war eine dünnflüssige Wiederauflage klassizistischer und romantischer Gesichtspunkte bei gleichzeitiger Polemik gegen die kubistische, dadaistische, expressionistische oder surrealistische Moderne, die als jüdisch-bolschewistische Asphaltkunst diffamiert wurde. Die «Entartete Kunst» machte bis 1941 in zwölf Städten Station, 1938 auch in Düsseldorf. Bilder und Plastiken in der Düsseldorfer Ausstellung «Schaffendes Volk» gerieten nun aber unversehens in die Untiefen einer heftigen Diskussion über ihre politisch-ästhetische Qualität.

Den «Rossebändigern» blieb der Abbau ihrer schieren Größe wegen erspart. 1938 begannen weitere Arbeiten an der linken Figur mit dem Ziel, die Skulptur runder und plastischer zu gestalten. Bis 1940 wurde auch die zweite Figur fertiggestellt.

Von hier aus konnte der Besucher von diesem 850 qm großen, mit Granit gepflasterten Eingangsplatz über die 300 m lange Fahnenstraße blicken, die das ideologische Herzstück der Ausstellung bildete. Diese 20 m breite Allee wurde beidseitig flankiert von je drei Reihen Pappelbäumen, zwei Reihen mannshoher Laternenreihen, sowie einer Reihe von 18 m hohen Fahnenstangen mit 36 Flaggen deutscher Städte. Den Schlusspunkt der Fahnenreihe markierten zwei dreißig Meter hohe Fahnenmaste. Von hier aus wurden die darüber flatternden 144 qm großen Hakenkreuzflaggen angestrahlt. Dahinter schloss die Neue Kunstakademie, der eine Fassade vorgebaut worden war, den Platz ab.

Die Neue Kunstakademie

Bauzeit: 1914-1921. Der Krieg, aber auch die Frage nach dem Nutzen, hatten den Bau verzögert. Nach dem ersten Weltkrieg verkam das Gebäude. Wind und Wetter setzten der Akademie genauso zu wie Diebe, die stahlen, was nicht «niet- und nagelfest» war. 1919 wurde die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule aufgelöst und die Kunstakademie übernahm fünf von deren Fächern (Druckerei, Lithografie, Weberei, Buchbinderei und Tonbrennerei) sowie die Ausbildung der Zeichenlehrer. Das warf wieder die Raumfrage auf und brachte das marode Gebäude noch einmal in die Diskussion. Womöglich ist die Architekturabteilung 1923 eingezogen. 1929 wurde das Projekt Neue Kunstakademie endgültig zu den Akten gelegt. Die Räume wurden als Ateliers an Künstler vermietet. Sie mussten 1936 den Ausstellungszwecken weichen. Architekt Wach hatte nun das Gebäude den neuen Zwecken anzupassen. Insbesondere wurde ein klassizistisch anmutender Portikus vorgebaut.

Gekrönt war dieser Vorbau durch den Schriftzug «Die deutsche Arbeitsfront» und das Hoheitszeichen der DAF. Das war die Organisation, die die Gewerkschaftsvermögen geraubt hatte und die Arbeiter nach dem Verbot der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 zwangsweise organisierte.

Links war zu lesen: Über jeder Leistung steht der schaffende Menschen; rechts: Über dem schaffenden Menschen steht die Gemeinschaft.

Von der Neuen Kunstakademie aus war die Blickachse Richtung Osten auf das Schlageterkreuz gerichtet.

Bevor die Neue Kunstakademie 1973 abgerissen wurde, um dem Aquazoo Platz zu schaffen, hatte sich der Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Hoffnungen gemacht. Er hielt die großzügigen Räume gut für Ateliers geeignet und war enttäuscht, als das Gebäude abgerissen wurde. Der Abriss begann am 13. Dezember 1973. Aber nun protestierten ganz andere Freunde der Neuen Kunstakademie. Ihnen kam es auf die Erhaltung der Achse an, die die Kaiserswerther Straße quert und städtebaulich so wichtig sei. So schrieben der Architekt Heinrich und Edmund Spohr in einem Leserbrief (Rheinische Post vom 31. Dezember 1973): Der wohlproportionierte neoklassizistische Giebel von Prof. Wach bilde den Abschluss einer großzügigen Achse, die heute durch das Nornendenkmal von Jupp Rübsam bestimmt werde. Durch den Abriss dieser Giebelfront würde die städtebauliche Konzeption dieser einzigartigen axialen Schöpfung empfindlich gestört. Die beiden Spohrs bezogen sich unausgesprochen auf die Schlageter-Achse.

Parallel zur Fahnenstraße liegt die Wasserachse. Der vorhin erwähnte Zoltan Székessy gehörte zunächst zu den Auftragnehmern für die plastischen Figuren, die die Wasserachse im Garten flankieren sollten. Diese Figuren sollten das «schaffende Volk» repräsentieren: vorgesehen waren Jäger, Fischer, Sämann, Winzer, Winzerin, Schäfer, Musikant, Handwerker, Soldat, Bauer, Bäuerin, Gärtner, Gärtnerin, Ährenlesergruppe, Matrose, Hirte, Flötenspielerin und Viehzüchter.

Die Künstler wurden nach politischer Unbedenklichkeit ausgewählt. Für die «Ständischen» beauftragte man zunächst eine Reihe Düsseldorfer Bildhauer mit der Anfertigung von Skizzen und Modellen, und erhielt 18 Vorschläge zur Auswahl. Aus den Teilnehmern wurden knapp acht Monate vor der Ausstellungseröffnung zehn Künstler ausgewählt: Kurt Zimmermann, Hans Breker, Alexander Zschokke, Joseph Daniel Sommer, Erich Kuhn, Kurt Schwippert, Fritz Peretti, Zoltan Székessy und Robert Ittermann. Sie wurden mit der Gestaltung von zwölf Skulpturen beauftragt. Oberbürgermeister Wagenführ schaltete sich ein. Er wünschte, dass der Bildhauer Gottschalk ebenfalls eine der großen Figuren gestalten sollte. Wagenführ bat Székessy, Gottschalk die Gestaltung der Großplastik zu überlassen und stattdessen den kleineren Auftrag (5.000 RM) für den Brunnen in der Schlagetersiedlung zu übernehmen. Der war ursprünglich für Gottschalk vorgesehen.

Zur Ausführung kamen nach einigen weiteren Änderungen die «Ährenlesergruppe» und der «Sämann» durch Hans Breker, der «Falkner» von Willy Hoselmann, Ernst Gottschalks «Spatenmann», die «Schäferin» von Robert Ittermann, der «Hirte» von Erich Kuhn, die «Musikanten» von Joseph Daniel Sommer, «Bauer und Bäuerin» von Kurt Zimmermann, der «Fischer» und der «Matrose» von Alexander Zschokke sowie die «Winzerin» von Alfred Zschorsch. Sechs der Figuren stehen heute wieder an der Wasserachse.

Die Wilhelm-Gustloff-Siedlung

Wilhelm Gustloff stammte aus Schwerin. Als Landesgruppenleiter der NSDAP in der Schweiz fiel er am 4. Februar 1936 einem Attentat zum Opfer. Er wurde in seiner Wohnung in Davos vom jüdischen Studenten David Frankfurter mit einem Revolver erschossen. Gustloff galt der faschistischen Bewegung als «Blutzeuge».

Stefanie Schäfers schreibt über die Reichsheimstätten-Mustersiedlung in ihrer Arbeit («Vom Werkbund zum Vierjahresplan. Die Ausstellung Schaffendes Volk, Düsseldorf 1937», Düsseldorf 2001 – aber auch im Internet samt zahlreichen aufschlussreichen Bildern: http://schaffendesvolk1937.de/ ):

«Hatte das bunte Blumenmeer in der Gartenschau mit seinen 1.000.000 Blüten neben den Hallen schon einen starken Kontrast zwischen Technik und Natur dargestellt, so konnte dieser nur noch durch den Gegensatz von Modernität und Volkstümlichkeit übertroffen werden, der durch die Hallen der Industrie und die Heimstättensiedlung gebildet wurde.»

Hier am nördlichen Teil der Schau steht eine dörfliche Idylle, die mit der Industrieschau deutlich kontrastiert. Vierzehn kleine Einzelhäuser umstehen einen Dorfanger mit einer unvermeidlichen «deutschen Linde», darunter der kleine Brunnen mit der Figur von Wilhelm Goebel. Allerdings ist noch erkennbar, dass unterdessen das Hakenkreuz aus dem DAF-Emblem herausgehauen wurde.

Die Siedlungshäuser sollten praktisch sein und Platz sparen. So schlossen sich an die Wohnräume direkt die Wirtschaftsräume an, genauso wie ein Fahrrad- und Geräteraum. Zu vemeiden war, dass die Siedler später Schuppen errichteten und die einheitliche Gestaltung der Siedlung störten. Im Untergeschoss gab es je eine Wohnküche, ein Elternschlafzimmer, eine Wirtschaftsküche, die die Verbindung mit dem Keller und dem Garten herstellte, ein Klo, sowie Ställe für Kleintiere. Unter dem Dach befanden sich je zwei oder drei getrennte Kammern für den männlichen und weiblichen Nachwuchs und ein Trockenboden. Bei den Schlafzimmern der Kinder wurde darauf geachtet, dass genügend Betten für Kinderreiche aufgestellt werden konnten. Die Wohnküche hatte eine Fläche von 14,86 qm, das Elternschlafzimmer von 12,94 qm sowie die erforderlichen Wirtschaftsräume 7,20 qm. Im Obergeschoss gab es zwei oder drei Kammern mit einer Gesamtnutzfläche von 24,89 qm. Allgemein schwankte die Quadratmeterzahl dieser Kleinstwohnungen zwischen etwa 48 und 65 qm reiner Wohnfläche für etwa 5-9 Personen.

Auf dem gesamten Gelände waren Schilder mit launigen Bauernweisheiten aufgestellt: «Hat der Siedler reichlich Futter/ und in Pacht genügend Land/ kann er Schwein und Schaf sich halten/ und auch einen Bienenstand».

Die Siedler, die für die Häuser in Frage kamen, waren durch das Gauheimstättenamt ausgesucht worden. Nach Maßgabe der Gauheimstättenämter der NSDAP sollten unter den Bewerbern nur «Frontkämpfer und Kämpfer für die nationale Erhebung», «Opfer der nationalen Arbeit» und «kinderreiche Familien, soweit rassisch wertvoll», ausgewählt werden. Sie mussten sich bewähren. Erst nach drei Jahren gingen die Siedlerstellen in den Besitz der neuen Bewohner über. Die Übertragung war «ein Vorzug (…), den nur die besten schaffenden Volksgenossen genießen» sollten.

Text und Fotos: Klaus Stein
Quelle: http://schaffendesvolk1937.de/